... Die Glorifizierung des Erwerbs und selbst der Arbeit schlechthin ist
neueren Ursprungs als man auf den ersten Blick anzunehmen geneigt ist. Gearbeitet haben freilich die Menschen immer, aber sie betrachteten die
Arbeit als einen Zwang, eine Strafe, etwas höheren Lebenszwecken Unterzuordnendes.
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Soweit die Arbeit nicht Betätigung schöpferischer Kraft oder auf einer materielleren Stufe
physiologisch-notwendige Übung der Muskelkräfte und der Sinne ist, hat sie eine selbständige Wertung in früherer Zeit nicht erfahren. Wir
brauchen nur daran zu denken, wie das ganze Altertum die Arbeit als des freien Mannes unwürdig den Sklaven überließ. Für den freien Mann
waren die Staatsgeschäfte, der Krieg, die Philosophie oder vornehme beschauliche Muße allein würdig. Der Engländer hat heute noch in weiten
Kreisen das Ideal des independent Gentleman bewahrt. - Bei den Germanen wurde, als die Römer mit ihnen zusammenstießen, die Arbeit
gleichfalls den Sklaven, wohl auch den Frauen überlassen; der Mann jagte, kriegte, oder lag auf der
sprichwörtlich gewordenen Bärenhaut. Dieses Ideal des vornehmen dolce far niente konnte bei der sich
durchsetzenden Differenzierung und Feudalisierung der Gesellschaft sich freilich
nur als ein ganz exklusives behaupten; namentlich nachdem der freie Bauernstand durch die übermäßige Inanspruchnahme seiner Wehrpflicht
in den Kriegen Karls des Großen mehr und mehr ruiniert wurde und mit den früheren Sklaven zu einem neuen Stande abhängiger Leute
herabsank, musste er sich wohl oder übel zu harter Arbeit herbeilassen. Die Geringschätzung der Arbeit und des Arbeiters aber blieb zunächst. Es waren
wohl zuerst einzelne Mönchsorden, welche gewisse Arbeiten ethisch werteten, so die
Benediktiner die gelehrte Arbeit, die Cisterziener, die
Großes leisteten in der Urbarmachung von Wüsteneien und Sümpfen, die körperliche Arbeit. Es war aber nicht die Arbeit als solche, die hier
sittlich gewürdigt wurde, sondern das Ziel der Arbeit, der Zweck, den sie erreichen wollte. Demgemäß, wurden die verschiedenen Berufe denn auch
verschieden gewertet. An und für sich ist der Ethik des Mittelalters jede weltliche Tätigkeit ein Übel. Negotium negat otium, sagt ein Dekret
Gratians, neque quaerit veram quietem, quae est deus. Arbeit duldet keine Muße und fragt nicht
nach der wahren Ruhe, die Gott ist. Aber es werden doch Unterschiede gemacht. Den Ackerbau, der der Beschaffung der
nötigen Nahrungsmittel gewidmet ist, rühmen die Scholastiker im hohen Grade, das Handwerk lassen sie noch gelten
- deo non displicet; es missfällt Gott nicht; den Handel verabscheuen sie
- deo placere - non potest; das kann Gott nicht gefallen. Es ist der Gewinn oder vielmehr das
Gewinnstreben schlechthin, das die kanonistische Weltanschauung beim Kaufmann perhorresziert
(mit Abscheu zurückweist).
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Wo wir also das Problem anfassen, wir kommen überall zu einem negativen Resultat. Die Arbeit gilt als Strafe oder Last, sittlich ist sie
indifferent; der Erwerb gilt als schlechthin verwerflich; der Beruf wird um so
geringer geschätzt, als er irgend welchen wirtschaftlichen oder gar Erwerbszwecken dient. Hier scheint keine Brücke zu der heute
herrschenden Auffassung dieser Dinge herüberzuführen.
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Der Übergang ist die neue Auffassung des Berufes, wie sie sich in der Gedankenwelt
[der] protestantischen Sekten heranbildet.
In dem deutschen Worte "Beruf" klingt ebenso wie in dem englischen Worte "calling" eine religiöse Vorstellung, nämlich die einer von Gott
gestellten Aufgabe, zum mindesten mit. Verfolgen wir das Wort geschichtlich und durch alle Kultursprachen hindurch, so zeigt sich
zunächst, dass weder das klassische Altertum noch die römisch-katholischen Völker für das, was wir Beruf nennen, im Sinne von Lebensstellung,
umgrenztes Arbeitsgebiet, einen Ausdruck ähnlicher Färbung kennen. Auch die germanischen Völker kannten ihn nicht; er taucht vielmehr erst bei
den Bibelübersetzungen auf, und zwar aus dem Geist der Übersetzer, nicht aus dem des Originals. Wie die Wortbedeutung, so ist auch der
Gedanke neu. Wohl gab es, wie wir gesehen haben, auch im Mittelalter gewisse Ansätze zur Schätzung der weltlichen Berufsarbeit; unbedingt neu
aber ist die Schätzung der Pflichterfüllung innerhalb der weltlichen Berufe als des höchsten Inhaltes, den die sittliche Selbstbetätigung überhaupt
annehmen könne. Bei Luther selbst geht die Ausbildung des
Berufsbegriffes zwar noch nicht ganz so weit; ihm gilt der Beruf zwar nicht mehr
wie im Mittelalter als etwas irdisch-verächtliches, dem sich durch mönchische Lebensführung zu entziehen fromm ist; nach seiner Auffassung
muss vielmehr der Mensch den Beruf hinnehmen, sich hineinschicken - diese Färbung übertönt den auch vorhandenen anderen Gedanken,
dass
die Berufsarbeit eine oder vielmehr die von Gott gestellte Aufgabe sei.
Anders im Calvinismus, und hier hängt die neue Wertschätzung des Berufs mit dem Zentraldogma dieser
religiösen Lehre, der Lehre von der Gnadenwahl zusammen, Gott hat - so besagt diese Lehre nach der
Westminster Confession von 1647, dem entscheidenden Dokument der calvinistischen Kirchen - zur Offenbarung seiner Herrlichkeit durch
seinen Beschluss einige Menschen zum ewigen Leben bestimmt und andere zu ewigen Tode verordnet, und
zwar sind die zum Leben bestimmten ausgewählt durch Gottes Gnade schon bevor der Grund zur Welt
gelegt wurde. Denn nicht Gott ist nach Calvins Glauben um der Menschen, sondern die Menschen sind um Gottes willen da, und alles Geschehen,
also auch die Tatsache, das nur ein kleiner Teil der Menschen zur Seligkeit bestimmt ist, kann seinen Sinn
ausschließlich als Mittel zum Zweck der Selbstverherrlichung von Gottes Majestät
haben.
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An Stelle der demütigen Sünder, denen Luther die Gnade verheißt, wenn sie im reuigen Glauben sich Gott anvertrauen, werden jene
selbstgewissen "Heiligen" gezüchtet, die wir in den stahlharten puritanischen
Kaufleuten jenes heroischen Zeitalters des Kapitalismus und in einzelnen Exemplaren bis Heute
wieder finden. Und andererseits wird, um jene
Selbstgewissheit zu erlangen, als hervorragendstes Mittel rastlose Berufsarbeit eingeschärft. Sie und sie allein verscheuche den religiösen Zweifel
und gebe die Sicherheit des Gnadenstandes. Die Frucht des Glaubens, an welcher er als der rechte erkannt wird, ist eine Lebensführung, die zu
Gottes Ruhm dient. Indem sich der Christ bewusst ist, dass sein Wandel auf einer in ihm lebenden Kraft zur Mehrung des Ruhmes Gottes ruht,
also gottgewollt und gottgewirkt ist, erlangt er das höchste Gut, nach dem jene Religiosität strebte, die
Gnadengewissheit. So absolut ungeeignet
also gute Werke sind, als Mittel zur Erlangung der Seligkeit zu dienen, so unentbehrlich sind sie als Zeichen der Erwählung. Aber eben da die
Werke nur Zeichen, nicht Zweck sind, genügt es nicht, sie von Zeit zu Zeit, gleichsam gelegentlich zu tun; der Calvinist soll nicht einzelne gute
Werke tun, sondern sein Leben soll ein heiliges, d. h. eine zum System gesteigerte Werkheiligkeit sein.
Die ethische Praxis des Alltagsmenschen wird ihrer Plan- und
Systemlosigkeit entkleidet und zu einer konsequenten Methode der ganzen Lebensführung ausgestaltet. (Methodisten!) Nur in einer fundamentalen
Umwandlung des Sinnes des ganzen Lebens, in jeder Stunde und in jeder Handlung, kann sich das Wirken der Gnade bewähren. Nur ein durch
konstante Reflexion geleitetes Leben kann als Überwindung des status naturalis gelten: das Leben wird rationalisiert. Es entsteht das, was
Weber protestantische Askese nennt. Die Unbefangenheit des
triebhaften Lebensgenusses wird planmäßig vernichtet, jede einzelne Handlung
wird darauf hin geprüft, ob sich in ihr der Glauben bewähre, die ständige Selbstkontrolle artet zu einer Art Rechnungsführung über das eigene
Verhalten aus, und Bunyan hat wirklich die Geschmacklosigkeit (im "Pilgrims Progress") begangen, das Verhältnis des Sünders zu Gott mit
dem des Kunden zum shopkeeper zu vergleichen: Gott führe gleichsam Buch über die Sünden und guten Werke des Menschen. Die christliche
Askese hatte bereits vom Kloster aus, in dem sie der Welt entsagte, die Welt kirchlich beherrscht. Jetzt trat sie auf den Markt des Lebens, und
unternahm es, gerade das weltliche Alltagsleben mit ihrer Methode zu durchtränken, es zu einem rationalen Leben in der Welt und doch nicht
für diese Welt umzugestalten. Das A und 0 dieser Vorstellungswelt ist die Arbeit, und zwar die Arbeit zunächst als Mittel der Askese. Aber
darüber hinaus und vor allem ist die Arbeit von Gott vorgeschriebener Selbstzweck des Lebens überhaupt; Arbeitsunlust ist ein Symptom
fehlenden Gnadenstandes. Diese so aus doppelten Gründen vorgeschriebene Arbeit erreicht aber ihren Effekt eben bei strengster rationaler Ordnung,
d. h. im Beruf. Ein Theoretiker der puritanischen Sittenlehre erklärt ausdrücklich,
dass außerhalb eines festen Berufes der Mensch in die Gefahr
verfalle, mehr zu faulenzen als zu arbeiten. Auf diesem methodischen Charakter der Arbeit liegt stets der Nachdruck. Zeitverlust durch
Geselligkeit, faules Gerede, Luxus, selbst durch mehr Schlaf als der Gesundheit unbedingt erforderlich ist, ist sittlich absolut verwerflich, weil jede
verlorene Stunde der Arbeit im Dienste des Ruhmes Gottes entzogen ist.
Es ist, wenn auch mit ganz anderer Motivierung, dieselbe eifrige Hochschätzung der Zeit, die jetzt das Wort time is money ausdrückt.
Dass aber
er mit seiner Arbeit auf dem richtigen, Gott wohlgefälligen Wege ist, erkannte der Puritaner an der Einträglichkeit der Arbeit. Das Suchen des
Profits war nicht nur erlaubt, es war sogar geboten. "Wenn Gott euch einen Weg zeigt", sagt
Baxter, ein Theoretiker des Calvinismus, "auf dem ihr ohne Schaden für euere Seele oder andere in gesetzmäßiger Weise
mehr gewinnen könnt als auf einem anderen Wege und ihr das zurückweist ... dann kreuzt ihr einen der Zwecke eurer Berufung; ihr weigert
euch, Gottes Verwalter zu sein und seine Gaben anzunehmen, um sie für ihn gebrauchen zu können. Nicht freilich für Zwecke der Fleischeslust
und Sünde, wohl aber für Gott dürft ihr arbeiten, um reich zu sein". Der Reichtum an sich ist also nicht sündhaft; sündhaft und verboten ist
vielmehr nur der Genuss des Reichtums, weil er zum Ausruhen auf dem Besitze und damit zur Vereitelung des asketischen Zweckes der Arbeit
führt. So wird auf der einen Seite die Konsumtion eingeengt, auf der anderen der Erwerbstrieb grenzenlos entfesselt; als Konsequenz folgt
daraus Kapitalbildung durch asketischen Sparzwang, da ja das Geld, das nicht konsumiert werden kann, eben wieder produktiv angelegt werden
muss. So ist denn, wie Weber das Ergebnis seiner Untersuchungen selbst
zusammenfasst, die rationale Lebensführung als Grundlage der
Berufsidee geboren aus dem Geist der christlichen Askese, wie er sich in den protestantischen Sekten manifestiert. Denn von den
anderen Sektenbildungen, Methodisten, Quäkern, Herrnhutern, Pietisten ist die Entwicklung eine ganz ähnliche, für deren Nachweis im einzelnen
hier nicht der Ort ist.
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So sehen wir in unserem Jahrhundert die puritanischen Gedanken über Erwerb, Beruf und Arbeit ihrer religiösen Färbung in zwei ganz
verschiedenen Richtungen beraubt. Das moderne Erwerbsleben verweltlicht sie; es entnimmt sich aus ihnen,
dass Erwerb und Verdienst schlechthin
als etwas Erlaubtes oder sogar Erstrebenswertes gelten dürfe. Goethe und
die Denker und Ethiker, die sich ihm anschließen, vor allem Carlyle,
vergeistigen sie. Sie betonen immer wieder den sittlich-erzieherischen Wert der Berufsarbeit, ihre Bedeutung für die Herausarbeitung der Persönlichkeit, die, nach Goethe das höchste Glück der Erdenkinder, sich nur im
Handeln bewähren könne. Jede echte Arbeit ist Religion. Es liegt ein dauernder Adel und selbst etwas Heiliges in der Arbeit.
"Arbeit steht stets im Zusammenhang mit der Natur und sei sie selbst Mammonisch".
Also, selbst Arbeit, die den Zwecken Mammons dient, ist heilig. Die Arbeit höher zu werten als es Carlyle hier tut, ist nicht mehr möglich.
Wollen wir das 19. Jahrhundert mit einem Worte bezeichnen, das sein innerstes Wesen im Gegensatz zu allen früheren Zeiten bezeichnet, so
können wir es in Kürze "Das Jahrhundert der Arbeit" nennen.
aus: Wandlungen der deutschen Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert (1907)
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