Sondern vor allem ist das "summum bonum" dieser
"Ethik": der Erwerb von Geld und immer mehr Geld, unter strengster
Vermeidung alles unbefangenen Genießens, so gänzlich aller eudämonistischen
oder gar hedonistischen Gesichtspunkte entkleidet, so rein als Selbstzweck
gedacht, dass es als etwas gegenüber dem "Glück" oder dem
"Nutzen" des einzelnen Individuums jedenfalls gänzlich Transzendentes
und schlechthin Irrationales erscheint. Der Mensch ist auf das Erwerben als
Zweck seines Lebens, nicht mehr das Erwerben auf den Menschen als Mittel zum
Zweck der Befriedigung seiner materiellen Lebensbedürfnisse bezogen.
[...]
Und da mit Steigerung der Erträge und der Betriebsintensität das Interesse des
Unternehmers an Beschleunigung der Ernte im allgemeinen immer größer zu werden
pflegt, so hat man natürlich immer wieder versucht, durch Erhöhung
der Akkordsätze die Arbeiter, denen so sich Gelegenheit bot, innerhalb einer
kurzen Zeitspanne einen für sie außergewöhnlichen Verdienst zu machen, an der
Steigerung ihrer Arbeitsleistung zu interessieren. Allein hier zeigten sich nun
eigentümliche Schwierigkeiten: Die Heraufsetzung der Akkordsätze bewirkte
auffallend oft nicht etwa, dass mehr, sondern das weniger an
Arbeitsleistung in der gleichen Zeitspanne erzielt wurde, weil die Arbeiter die
Akkordleistung nicht mit Herauf-, sondern mit Herabsetzung der
Tagesleistung beantworteten. [...] Der Mehrverdienst reizte ihn weniger als die
Minderarbeit; er fragte nicht: wie viel kann ich pro Tag verdienen, wenn ich das
mögliche Maximum an Arbeit leiste, sondern: wie viel muss ich arbeiten, um
denjenigen Betrag zu verdienen, den ich bisher einnahm und der meine traditionellen
Bedürfnisse deckt? Dies ist nun das jenige Verhalten, welches - im
Abschluss an
den üblichen Sprachgebrauch - als "Traditionalismus" bezeichnet
werden soll: der Mensch will "von Natur" nicht Geld und mehr Geld
verdienen, sondern einfach leben, so leben wie er zu leben gewohnt ist und
soviel erwerben, wie dazu erforderlich ist. Überall, wo der Kapitalismus sein
Werk der Steigerung der "Produktivität" der menschlichen Arbeit durch
Steigerung der Intensität begann, stieß er auf den unendlich zähen Widerstand
dieses Leitmotivs präkapitalistischer wirtschaftlicher Arbeit, und er stößt
noch heute überall um so mehr darauf, je "rückständiger" (vom kapitalistischen
Standpunkt aus) die Arbeiterschaft ist, auf die er sich angewiesen sieht.
[...]
Solche vom "kapitalistische Geist" erfüllte Naturen pflegen heute
wenn nicht gerade kirchenfeindlich, so doch indifferent zu sein. Der Gedanke an
die "fromme Langeweile" des Paradieses hat für ihre tatenfrohe Natur
wenig verlockendes, die Religion erscheint ihnen als ein Mittel, die Menschen
vom Arbeiten auf dem Boden dieser Erde abzuziehen. Würde man sie selbst nach
dem Sinn ihres rastlosen Jagens fragen, welches des eigenen Besitzes niemals
froh wird, und deshalb gerade bei rein diesseitiger Orientierung des
Lebens so sinnlos erscheinen muss, so würden sie, falls sie überhaupt eine
Antwort wissen, zuweilen antworten: "die Sorge für Kinder und Enkel",
häufiger aber und - da jenes Motiv ja offenbar kein ihnen eigentümliches ist,
sondern bei dem "traditionalistischen Menschen" ganz ebenso wirkte; -
richtiger ganz einfach: dass ihnen das Geschäft mit seiner steten Arbeit
"zum Leben unentbehrlich" geworden sei. Das ist in der Tat die einzig
zutreffende Motivierung und sie bringt zugleich das Irrationale dieser
Lebensführung, bei welcher der Mensch für sein Geschäft da ist, nicht
umgekehrt, zum Ausdruck.
[...]
Das aber ist es eben, was dem präkapitalistischen Menschen so
unfasslich
und rätselhaft, so schmutzig und verächtlich erscheint. Dass jemand zum Zweck
seiner Lebensarbeit ausschließlich den Gedanken machen könne, dereinst mit
hohem materiellen Gewicht an Geld und Gut belastet ins Grab zu sinken, scheint
ihm nur als Produkt perverser Triebe: der "auri sacra fames"
erklärlich.
aus: Die protestantische Ethik und der "Geist" des Kapitalismus (1920)
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