Fragen einer lesenden Arbeitslosen
Wozu baut Ihr die siebenspurige Autobahn?
Auf den Mattscheiben flimmern die Namen von Fetischen.
Wachstum! Markt! Konsum! Reichtum! Geschwindigkeit!
Und die mehrmals zerstörte Umwelt -
Wann wird sie niemand mehr retten können? In welchen
goldenen Käfigen
Mauert Ihr Konsumsüchtigen Euch ein?
Wohin wenden sich Eure Aggressionen, wenn Ihr
inmitten Eurer Warenberge
Unglücklich seid? Das große New York
Ist voll von Konzernzentralen. Wem nützen sie? Über was
Triumphierte Euer Fortschritt? Warum zerstört Eure
vielbesungene Arbeit
Das Leben, die Lust und die Liebe in Euch und um Euch?
Selbst inmitten von Ölpesten, Ozonloch
und Reaktorunfällen
Brüllt Ihr in der Nacht, wo Euch der
steigende Meeresspiegel
verschlingt
Nach Eurer mörderischen Arbeit, nach Eurem Geld,
Euren Autos, Euren
tausend Dingen.
Die Deutsche Mark eroberte Europa.
Und Eure Herzen.
Das Kapital ruiniert den Planeten.
Hat es nicht wenigsten einen Arbeiter bei sich,
der sein Geld damit
verdient?
Die Manager heulen bei dem Gedanken, dass
ihre Kriegsindustrie
Nicht mehr gebraucht werden könnte. Heulen
die Arbeitsplatzbesitzer
nicht mit ihnen?
Der tote Takt der Uhr führt Krieg gegen Eure Wünsche.
Und gegen Eure Phantasie.
Jede website eine Innovation.
Wer fragt nach dem Sinn?
Alle zehn Monate ein Finanzcrash.
Wer wird die Spesen bezahlen und womit,
wenn Euer Geld nichts
mehr wert ist?
So viele Dax-Punkte.
So viele Fragen.
ziemlich frei nach Bertolt Brecht
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(...)
Einer der bekanntesten so genannten Witze aus der Arbeitswelt ist die montagmorgendliche Begrüßung unter Kollegen mit den Worten: "Es will wieder nicht Freitag werden!" Bei näherem Hinsehen ist das alles andere als zum Lachen. Denn hier offenbart sich der ungeheuerliche Sachverhalt,
dass sich -zig Millionen Menschen wünschen, mehr als zwei Drittel ihrer Lebenszeit erst gar nicht erleben zu müssen. Kann es ein vernichtenderes Urteil über die "Welt der Arbeit" geben?
Die Menschen unterwerfen sich lebenslänglich dem Zwang, einen Großteil ihrer Lebenszeit dafür hergeben zu müssen,
dass sie den verbleibenden Rest fristen können. Was sie eigentlich mit ihrem Leben anfangen könnten und in Jugendjahren vielleicht sogar einmal wirklich gewollt haben, hat keinen Bestand vor dem kalten Gott des ununterbrochenen Geld-verdienen-und-Geld-ausgeben-müssens. Kein Gott hat je größere Opfergaben verlangt und erhalten als dieser: zerstörte Lebensentwürfe und gebrochene Rückgrate, Erniedrigungen und Gemeinheiten, ruinierte Gesundheit, Verzweiflung und Demütigung, Sucht und Wahnsinn, Mord und Selbstmord, Vernichtung von Mensch und Natur... das ist der tägliche Tribut an die Arbeit.
(...)
aus: Gesellschaftlicher Fortschritt heute heißt Aufhebung der Arbeit (1999)
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